The Distance between us – Retrospektive Wong Kar-Wai
| News Sammlung - Amt 41-214
Wong Kar-Wai, 1958 in Shanghai geboren und in Hongkong aufgewachsen, zählt zu den prägenden Stimmen des moderne asiatischen Autorenkinos. Seine Filme zeichnen sich durch eine unverwechselbare visuelle Handschrift aus: poetische, oft melancholische Bilder und eine Ästhetik, die Farbe, Licht, Musik und Raum zu einem intensiven emotionalen Erlebnis verbinden.
An Stelle von linearen Erzählweisen bevorzugt Wong fragmentarische, assoziative Strukturen, in denen Stimmung, Erinnerung und Sehnsucht im Vordergrund stehen. Themen wie Einsamkeit, verlorene Liebe, Identität und das Vergehen der Zeit durchziehen sein Werk, und die Stadt Hongkong fungiert dabei weit mehr als nur als Kulisse – sie wird zum Spiegel innerer Zustände. Ein entscheidender Bestandteil seines filmischen Stils ist die enge Zusammenarbeit mit dem Kameramann Christopher Doyle. Ab DAYS OF BEING WILD (1990) prägte dieses Duo die Bildsprache Wongs entscheidend und schuf Klassiker wie CHUNGKING EXPRESS (1994), FALLEN ANGELS (1995), IN THE MOOD FOR LOVE (2000) und 2046 (2004). Ebenso prägend sind die wiederkehrenden Schauspieler*innen, allen voran Tony Leung Chiu-wai, Maggie Cheung und Leslie Cheung. Während Tony Leung häufig den introvertierten, melancholischen Helden verkörpert, vermittelt Maggie Cheung Eleganz, Sehnsucht und innere Zerrissenheit – von ihren frühen Rollen bis zur ikonischen Darstellung der Su Li-zhen in IN THE MOOD FOR LOVE und der Fortführung dieser Rolle in 2046. Leslie Cheung schließlich prägte Wongs frühe Filme, allen voran DAYS OF BEING WILD, und steht für die Phase, in der Wongs filmische Sprache und Themen erstmals klar erkennbar wurden.
Die Retrospektive „The Distance Between Us“ zeigt eindrucksvoll, wie Wong Kar-Wai in gut 15 Jahren eine unverwechselbare, konsistente Filmsprache entwickelt hat – von rohen Gangsterdramen über existenzielle Jugendporträts bis zu elegischen Liebesgeschichten und traumhaft-futuristischen Erinnerungsstücken. Die Kontinuität von Ästhetik, Themen und Besetzung verdeutlicht, wie konsequent Wong seine filmische Welt gestaltet.
International wurde er mehrfach geehrt: 1997 erhielt er – als erster chinesischer Regisseur überhaupt – den Preis für die Beste Regie beim Cannes Film Festival für HAPPY TOGETHER; 2000 und 2004 jeweils den Europäischen Filmpreis für den Besten nicht-europäischen Film für IN THE MOOD FOR LOVE und 2046. 2009 wurde er Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences und 2017 erhielt er den Ehrendoktortitel „Doctor of Arts“ der Harvard University. Daneben gewann er zahlreiche weitere Preise und Nominierungen bei internationalen Filmfestivals und Fachorganisationen, darunter den bedeutenden asiatischen Filmpreis Golden Horse Award und einen César. Insgesamt wurde er mehr als 50 Mal ausgezeichnet.
Das Programm
MI 4.3. 20 Uhr | SA 7.3. 21 Uhr
WONGGOK KAAMUN
AS TEARS GO BY
HK 1988 · 98 min · OmU · digitalDCP · FSK 16
R: Wong Kar-Wai · B: Wong Kar-Wai, Jeffrey Lau · K: Andrew Lau
D: Andy Lau, Maggie Cheung, Jacky Cheung u.a.
Im pulsierenden Hongkong der späten 1980er-Jahre entfaltet sich ein von Sehnsucht, Gewalt und unerfüllter Liebe getragener Gangsterfilm, der über die Konventionen seines Genres hinausweist und bereits viele der Motive vorwegnimmt, die Wong Kar Wais spätere Werke prägen sollten: die Melancholie flüchtiger Begegnungen, das Scheitern an gesellschaftlichen Erwartungen und die Suche nach Intimität in einer entfremdeten Welt. AS TEARS GO BY erzählt die Geschichte von Wah, einem jungen Gangster in Hongkong, der zwischen der Loyalität zu seinem Freund und der Liebe zu dessen Schwester in die Gewalt der Unterwelt hineingezogen wird. Formal zeigt sich hier schon der unverwechselbare Stil des Regisseurs: schwelgerische Zeitlupen, neongetränkte Nachtbilder und eine von Popmusik getragene Emotionalität. Unter der Oberfläche eines Genrefilms deutet sich jene poetische Handschrift an, die sich in DAYS OF BEING WILD (1990) und seinen folgenden Filmen immer weiter entwickelt. Dabei handelt es sich um weit mehr als nur eine frühe Etüde – er markiert den Auftakt eines filmischen Kosmos, in dem Einsamkeit, Begehren und Zeit in schwebende Bilder verwandelt werden.
Einführung in die Filmreihe am 4.3.: Florian Deterding (Filmmuseum)
SA 14.3. 19 Uhr | MI 18.3. 20 Uhr
AH FEI JING JUEN
DAYS OF BEING WILD
HK 1990 · 95 min · OmU · digitalDCP · FSK 12
R: Wong Kar-Wai · B: Wong Kar-Wai, Jeffrey Lau · K: Christopher Doyle
D: Leslie Cheung, Maggie Cheung, Andy Lau, Carina Lau, Jacky Cheung u.a.
In trägen, schwebenden Bewegungen zeigt Wong Kar-Wai junge Menschen, die nach Liebe suchen und sich dabei selbst verlieren: Im Hongkong der frühen 1960er-Jahre driftet der charismatische Yuddy durch die Tage – ein Mann ohne Ziel, der Frauen verführt, sie verlässt und doch selbst von einer ungestillten Sehnsucht getrieben wird. Um ihn kreisen Menschen, die ihn begehren oder von ihm verletzt werden: die scheue Su Li-zhen, der melancholische Polizist Tide, die Tänzerin Mimi. Alle sind gefangen in der Leere zwischen Begegnung und Verlust, in einer Stadt, die ebenso rastlos ist wie ihre Bewohner*innen. DAYS OF BEING WILD ist weniger ein klassisches Drama als eine hypnotische Studie über Zeit, Erinnerung und das Vergehen von Gefühlen. Nach seinem rastlosen Debüt entwickelt Wong Kar-Wai seine Handschrift weiter: Die Bewegungen werden schwerer, der Blick introspektiver, das Flüchtige zur Essenz. Sein zweiter Film ist möglicherweise bereits sein schönster – ein elegisches Porträt einer Generation, die den Stillstand als Lebensgefühl entdeckt.
SA 14.3. 21 Uhr | FR 27.3. 19 Uhr
CHUNGHING SAM LAM
CHUNGKING EXPRESS
HK 1994 · 98 min · OmU · digitalDCP · FSK 12
R/B: Wong Kar-Wai · K: Christopher Doyle, Wai Keung Lau · D: Brigitte Lin,
Tony Leung Chiu-wai, Faye Wong, Takeshi Kaneshiro, Valerie Chow u. a.
Mit beschwingter Leichtigkeit erzählt Wong Kar-Wai von Einsamkeit, Zufall und der Flüchtigkeit urbaner Begegnungen. In den engen Gassen prallen im Neonlicht Hongkongs zwei Liebesgeschichten aufeinander: Ein junger Polizist muss eine Trennun verarbeiten und begegnet einer geheimnisvollen Frau mit blonder Perücke; ein anderer verliebt sich in eine exzentrische Imbissverkäuferin, die heimlich seine Wohnung aufräumt. Im wechselnden Rhythmus aus Rastlosigkeit und Stillstand verdichtet sich das Lebensgefühl einer Stadt, die niemals schläft und ihre Bewohner*innen doch einsam zurücklässt. CHUNGKING EXPRESS ist ein Film aus Licht, Musik und Bewegung – improvisiert und verspielt, zugleich tief melancholisch. Nach dem stilistisch kontrollierten DAYS OF BEING WILD (1990) wendet sich Wong Kar-Wai hier einer offeneren, fast spontanen Form des Erzählens zu. Eine Hommage an das Flüchtige und an die Möglichkeit, inmitten des Chaos für einen Augenblick zu lieben – leicht im Ton, aber getragen von der Ahnung, dass jeder Augenblick unwiederbringlich vergeht.
SO 29.3. 17 Uhr | MI 1.4. 20 Uhr
DUNG CHE SAI DUK
ASHES OF TIME – REDUX
TW·CHN 1994/2008 · 93 min · OmU · digitalDCP · FSK 12 · R: Wong Kar-Wai
B: Jin Yong, Wong Kar-Wai · K: Christopher Doyle · D: Brigitte Lin, Leslie Cheung,
Maggie Cheung, Tony Leung Chiu-wai, Jacky Cheung u.a.
In einer kargen Wüstenlandschaft lässt Wong Kar-Wai eine Geschichte von Liebe, Verrat und den Schatten der Vergangenheit spielen. Der abgebrühte Swordsman Ouyang Feng wird von Schuldgefühlen und verpassten Chancen getrieben, während alte Gefährt*innen, verlorene Lieben und rivalisierende Kämpfer*innen seinen Weg kreuzen. Anders als seine städtischen Geschichten, spielt dieser Film nicht im hektischen Hongkong, sondern in offenen Landschaften und im mythologischen Raum der klassischen Martial-Arts-Erzählung. ASHES OF TIME – REDUX ist die überarbeitete Version seines 1994 entstandenen Originals: Wong Kar-Wai nutzt neue Bildtechnik, ergänzt Szenen und verfeinert den Schnitt, um seinem ohnehin poetischen Werk mehr rhythmische Klarheit zu geben. Der Film zeigt auf eine für diesen Regisseur untypische Weise, wie er Action, Landschaft und Erzählung kombiniert, um innere Konflikte und Vergangenheitsbewältigung seiner Figuren in visuell beeindruckende, klar strukturierte Sequenzen zu übersetzen.
Einführung am 29.3.: Andreas Thein (Filmmuseum)
SA 4.4. 21 Uhr | FR 10.4. 19 Uhr
DOLOK TINSI · FALLEN ANGELS
HK 1995 · 92 min · OmU · digitalDCP · FSK 16 · R/B: Wong Kar-Wai
K: Christopher Doyle · D: Leon Lai, Michelle Reis, Takeshi Kaneshiro,
Charlie Yeung, Karen Mok u.a.
Ein Auftragskiller bewegt sich durch die Neonlichter, begleitet von seiner stummen Komplizin, während eine einsame junge Frau einem verzweifelten Liebhaber durch enge Gassen folgt: Ein weiteres Mal begleitet Wong Kar-Wai stilsicher Menschen am Rande der Millionenstadt, die nach Verbindung, Nähe und einem Ausweg aus der Einsamkeit suchen. FALLEN ANGELS verbindet Krimi- und Action-Elemente mit urbaner Melancholie: Schusswechsel, Verfolgungen und nächtliche Fluchten verschränken sich mit Momenten der Stille, Einsamkeit und Beobachtung. Anders als in seinen früheren Werken ist die Erzählung stark fragmentiert: kurze Episoden, schnelle Schnitte und ungewöhnliche Kameraperspektiven spiegeln die Rastlosigkeit der Figuren und die Dynamik der Großstadt wider. Der Film ist eine konsequente Weiterentwicklung von Wongs Experimenten mit Stil, Rhythmus und Stimmung – ein Kaleidoskop aus Licht, Bewegung und inneren Konflikten, wo Isolation und Begehren eng verwoben sind.
SO 5.4. 20 Uhr | FR 10.4. 21 Uhr
CEON GWONG ZAA SIT
HAPPY TOGETHER
HK 1997 · 96 min · OmU · digitalDCP · FSK 12 · R/B: Wong Kar-Wai
K: Christopher Doyle · D: Leslie Cheung, Tony Leung Chiu-wai,
Chen Chang, Gregory Dayton u.a.
Buenos Aires, Ende der 1990er-Jahre: Wong Kar-Wai erzählt von der turbulenten Beziehung zweier Männer, die aus Hongkong geflohen sind und versuchen, ihre Liebe in der Fremde zu retten. Ho Po-wing und Lai Yiu-fai drifteten zwischen Nähe und Streit, Leidenschaft und Entfremdung, während sie sich in einer ihnen unbekannten Stadt orientierungslos bewegen. HAPPY TOGETHER nutzt erstmals einen Ortswechsel als erzählerisches Mittel: Die fremde, isolierende Umgebung spiegelt die Unsicherheit und Instabilität der Beziehung. Musik, von Tango-Klassik bis südamerikanische Rhythmen, strukturiert den Film und verstärkt die emotionale Spannung. Wongs typische Bildgestaltung – schwebende Kamera, ungewöhnliche Bildkompositionen, flackerndes Neonlicht – vermittelt auch hier die Unruhe, Sehnsucht und Verletzlichkeit der Figuren. Durch diese Kombination aus neuen Klängen, fremdem Raum und visueller Präzision entsteht ein Werk, das seine bisherigen Themen in einem ungewohnten, dicht fokussierten Kontext neu interpretiert.
SO 12.4. 17 Uhr | SA 18.4. 21 Uhr
FA YEUNG NIN WA
IN THE MOOD FOR LOVE
HK·F·TH 2000 · 98 min · OmU · digitalDCP · FSK 6 · R/B: Wong Kar-Wai
K: Christopher Doyle, Mark Lee Ping Bin · D: Maggie Cheung,
Tony Leung Chiu-wai, Ping-lam Siu, Rebecca Pan, Kelly Lai Chen u.a.
Wieder befinden wir uns in Hongkong, Wong Kar-Wais Heimatstadt. Doch dieses Mal versetzt er die Handlung in eine Zeit großen politischen Umbruchs: Wong entfaltet vor unseren Augen die vielschichtige Geschichte von einem Mann und seiner Nachbarin, die beide entdecken, dass ihre Ehepartner*innen eine Affäre miteinander haben. Während sie den moralischen Grenzen ihrer eigenen Gefühle nachspüren, kommen sie sich langsam näher. IN THE MOOD FOR LOVE markiert Wong Kar Wais endgültigen Durchbruch: Hier perfektioniert er seinen Stil, indem er Handlung, Kamera und Musik auf das Wesentliche reduziert und so jede Geste, jeden Blick und jede Bewegung zu einem konzentrierten Ausdruck macht. Schwebende Kameraeinstellungen, enge Bildkompositionen, Zeitlupen und ein raffiniertes Farb- und Musikdesign erzeugen eine dichte Atmosphäre, die die emotionale Intensität der Figuren ohne Dialogüberschuss vermittelt. Der Film zeigt, wie Wongs erzählerische Mittel in verdichteter Form wirken: Ein Kondensat urbaner Melancholie und menschlicher Nähe, das sowohl formal als auch emotional Maßstäbe setzte und den Regisseur international bekannt machte.
SO 26.4. 17 Uhr | MI 29.4. 20 Uhr
2046
HK·CHN·F·I·D 2004 · 129 min · OmU · digitalDCP · FSK 12
R/B: Wong Kar-Wai · K: Christopher Doyle, Kwan Pun-Leung, Lai Yiu-Fai
D: Tony Leung Chiu-wai, Gong Li, Zhang Ziyi, Faye Wong, Carina Lau u.a.
Hongkong, Mitte der 1960er-Jahre und darüber hinaus: Wong Kar-Wai verbindet in 2046 Liebesgeschichte, Erinnerung und Science-Fiction zu einem komplexen Geflecht aus Zeit und Sehnsucht. Der ehemalige Journalist Chow Mo-wan lebt weiter- hin in der Erinnerung an verlorene Beziehungen, währenddessen schreibt er in einem futuristischen Hotelzimmer mit der Nummer 2046 – ein Ort, an dem Menschen zurückkehren, um das zu finden, was sie verloren haben. Der Film verschränkt realistische Stadt- und Zwischenwelten mit poetischer Science-Fiction: stilisierte Zukunftssequenzen, surreal gefärbte Räume und wiederkehrende Motive wie Züge, Koffer und Spiegel reflektieren Erinnerung, Verlangen und emotionale Isolation. 2046 greift Themen aus IN THE MOOD FOR LOVE auf – verlorene Liebe, Sehnsucht, flüchtige Begegnungen – und erweitert sie in erzählerischer und visueller Komplexität.